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LeitfädenVeröffentlicht am 25. März 20269 Min. Lesezeit

VSME-Standard erklärt: Was Schweizer KMU wissen müssen

Vollständiger Leitfaden zum EFRAG VSME-Standard für Schweizer KMU. Was er ist, warum er relevant wird und wie Sie starten.

Was ist der VSME-Standard?

VSME steht für Voluntary Standard for non-listed Small and Medium-sized Enterprises — ein freiwilliger Standard für die Nachhaltigkeitsberichterstattung, entwickelt von der EFRAG (European Financial Reporting Advisory Group), derselben Organisation, die die ESRS-Standards für Grossunternehmen entworfen hat.

Das Schlüsselwort ist freiwillig. Der VSME-Standard ist keine gesetzliche Pflicht für KMU. Er ist ein strukturiertes Werkzeug, das Ihr Unternehmen nutzen kann, wenn ein Kunde, eine Bank oder ein Investor Nachhaltigkeitsdaten verlangt.

Die Europäische Kommission hat den VSME am 30. Juli 2025 als Empfehlung (Dokument C(2025) 4984) verabschiedet — nicht als Verordnung oder Richtlinie. Der Unterschied ist wichtig: Eine Empfehlung ist nicht rechtsverbindlich.

Warum ist der VSME-Standard für Schweizer KMU relevant?

Obwohl der VSME freiwillig ist, machen drei konvergierende Druckfaktoren diesen Standard für Schweizer KMU zunehmend unverzichtbar.

1. Der Druck aus der Lieferkette

Grosse Schweizer Unternehmen (über 500 Mitarbeitende) sind seit 2024 verpflichtet, einen Nachhaltigkeitsbericht gemäss Art. 964a OR zu veröffentlichen. Dieser Bericht muss die Scope-3-Emissionen abdecken — also die indirekten Emissionen, die in der gesamten Wertschöpfungskette entstehen.

Konkret: Wenn Sie Waren oder Dienstleistungen an ein grosses Unternehmen liefern, das der CSRD oder dem Art. 964a OR unterliegt, wird dieses Unternehmen Umwelt- und Sozialdaten von Ihnen verlangen. Das geschieht bereits heute. KMU in Zürich, Bern und Basel erhalten Fragebögen von ihren Auftraggebern — teilweise 40 Seiten lang, jedes Mal in einem anderen Format.

Der VSME bietet ein einheitliches und anerkanntes Format, um auf diese Anfragen zu antworten. Ein einziger VSME-Bericht kann mehrere Kunden gleichzeitig bedienen.

2. Der Wertschöpfungsketten-Deckel (Value Chain Cap)

Die Europäische Kommission bereitet einen delegierten Rechtsakt vor, der für Juni 2026 erwartet wird. Dieser wird eine Obergrenze einführen für die Informationen, die Grossunternehmen von ihren KMU-Lieferanten verlangen dürfen. Diese Obergrenze entspricht dem Inhalt des VSME Basic Module.

Mit anderen Worten: Grossunternehmen dürfen nicht mehr verlangen, als der VSME vorsieht. Der Standard wird damit zur Obergrenze — und de facto zum Referenzstandard für Nachhaltigkeitsdaten in Lieferketten.

3. ESG-Kriterien bei der Bankfinanzierung

Schweizer Banken beziehen ESG-Kriterien zunehmend in ihre Kreditentscheidungen ein. Ein strukturierter VSME-Bericht zeigt proaktiv, dass Ihr KMU seine Umwelt- und Sozialauswirkungen kennt und misst. Das kann den Zugang zu Finanzierungen erleichtern und die Kreditkonditionen verbessern.

Was enthält das VSME Basic Module?

Das Basismodul umfasst rund 46 Datenpunkte in 11 Abschnitten (B1 bis B11). Es wurde so konzipiert, dass ein KMU ohne eigene Nachhaltigkeitsabteilung es ausfüllen kann.

AbschnittThemaBeispiele für Datenpunkte
B1Grundlagen der ErstellungFirma, Umsatz, NACE-Code, Mitarbeiterzahl
B2Praktiken und RichtlinienBestehende Nachhaltigkeitspolitik? Reduktionsziele definiert?
B3Energie und TreibhausgaseStromverbrauch (kWh), Heizöl (Liter), Scope 1+2 (tCO2e), THG-Intensität
B4UmweltverschmutzungPRTR-Meldepflicht
B5BiodiversitätStandorte in der Nähe geschützter Gebiete
B6WasserWasserentnahme (m3)
B7Abfall und KreislaufwirtschaftGesamtabfall, Recyclingquote, Sonderabfall
B8BelegschaftMitarbeiterzahl, Geschlechterverteilung, Vertragsarten
B9ArbeitssicherheitBerufsunfälle, Todesfälle
B10Vergütung und WeiterbildungMindestlohn eingehalten, GAV-Abdeckung, Weiterbildungsstunden
B11GovernanceVerurteilungen wegen Korruption, Bussen

Von den 46 Datenpunkten:

  • 27 sind obligatorisch für jedes Unternehmen, das den Standard nutzt
  • 15 sind bedingt («falls zutreffend» — nur auszufüllen, wenn für Ihre Tätigkeit relevant)
  • 4 sind freiwillig (wünschenswert, aber nicht erwartet)

Wichtiger Punkt: Scope-3-Emissionen sind im Basismodul nicht erforderlich. Scope 3 (Emissionen der Lieferkette) gehört zum optionalen Comprehensive Module (Abschnitte C1 bis C9).

Was ist der Unterschied zwischen Basic Module und Comprehensive Module?

KriteriumBasic ModuleComprehensive Module
Datenpunkteca. 46ca. 100 zusätzliche
Scope-3-EmissionenNicht erforderlichErforderlich (C3)
WesentlichkeitsanalyseNicht erforderlichErforderlich (C2)
KlimastrategieNicht erforderlichErforderlich (C1, C3)
Menschenrechtliche SorgfaltspflichtNicht erforderlichErforderlich (C6, C7)
Eigenständig nutzbarJaNein — setzt das Basic Module voraus
ZielgruppeJedes KMUKMU mit Anforderungen von Investoren oder Banken

Für die grosse Mehrheit der Schweizer KMU genügt das Basic Module. Fügen Sie das Comprehensive Module nur hinzu, wenn ein Finanzpartner es ausdrücklich verlangt.

Wie ist die Rechtslage in der Schweiz?

Aktuelle Regulierung (seit 2024)

Art. 964a OR schreibt einen Nachhaltigkeitsbericht für Unternehmen vor, die alle drei folgenden Kriterien erfüllen:

  • 500 oder mehr Mitarbeitende (Vollzeitstellen)
  • CHF 20 Mio. Bilanzsumme oder CHF 40 Mio. Umsatz
  • Unternehmen von öffentlichem Interesse (börsenkotiert, Bank oder Versicherung)

Das betrifft rund 300 Unternehmen in der Schweiz. Die allermeisten KMU fallen nicht unter diesen Geltungsbereich.

Geplante Revision

Der Bundesrat hat im Juni 2024 ein Vernehmlassungsverfahren eröffnet, um die Schwellenwerte zu senken:

  • 250 oder mehr Mitarbeitende
  • CHF 25 Mio. Bilanzsumme
  • CHF 50 Mio. Umsatz
  • Zwei der drei Kriterien müssen erfüllt sein

Diese Änderung würde den Kreis auf rund 3'500 Unternehmen erweitern. Eine Entscheidung des Bundesrats wird im Frühjahr 2026 erwartet. Ein allfälliges Referendum bleibt möglich.

Keine Pflicht für KMU

Es gibt keine Schweizer Gesetzgebung, die KMU zur VSME-Berichterstattung verpflichtet. Wenn Ihr KMU einen VSME-Bericht erstellt, ist das eine strategische Entscheidung — keine gesetzliche Pflicht.

Allerdings verbietet seit dem 1. Januar 2025 Art. 3 Abs. 1 lit. x UWG (Bundesgesetz gegen den unlauteren Wettbewerb) unbelegte Umweltaussagen. Wenn Ihr KMU über seine Klimaengagements kommuniziert, muss es diese belegen können. Ein strukturierter VSME-Bericht ist ein nützlicher Nachweis.

Verbreitete Missverständnisse zum VSME

Drei Missverständnisse begegnen uns regelmässig im Austausch mit Schweizer KMU.

«Das ist obligatorisch für KMU»

Nein. Der VSME ist ein freiwilliger Standard, verabschiedet als europäische Empfehlung. Kein Schweizer oder europäisches Gesetz verpflichtet KMU, ihn zu nutzen. Sie entscheiden sich dafür, wenn es geschäftlich Sinn macht — zum Beispiel wenn ein Kunde oder eine Bank danach fragt.

«Das ist so komplex wie die ESRS»

Nein. Die ESRS (European Sustainability Reporting Standards) richten sich an grosse börsenkotierte Unternehmen und umfassen über 1'100 Datenpunkte. Das VSME Basic Module enthält 46, davon nur 27 obligatorische. Es verlangt weder eine Wesentlichkeitsanalyse noch eine Klimastrategie noch ein Scope-3-Reporting. Der Vergleich hinkt.

«Man braucht einen Berater»

Nicht unbedingt. Das Basismodul wurde so konzipiert, dass es von der Finanzverantwortlichen oder dem Geschäftsführer eines KMU ausgefüllt werden kann, ohne Nachhaltigkeitsexpertise. Die benötigten Daten (Energierechnungen, Lohndaten, Abfallmengen) liegen bereits in Ihrer Buchhaltung und Ihren HR-Systemen vor.

Wer füllt den Bericht im Unternehmen aus?

In der Praxis wird das VSME-Basic-Module-Reporting in der Regel übernommen von:

  • Der Finanzleitung (CFO) oder der Buchhaltung — für die Daten von B1 (Umsatz, Bilanzsumme, NACE-Code)
  • Der technischen Leitung oder dem Facility Management — für die Daten von B3 (Energie), B6 (Wasser) und B7 (Abfall)
  • Der Personalleitung — für die Daten von B8 (Belegschaft), B9 (Unfälle) und B10 (Weiterbildung, GAV)
  • Der Geschäftsleitung — für B2 (Nachhaltigkeitspolitik) und B11 (Governance)

In einem KMU mit 20 bis 50 Mitarbeitenden sammelt häufig eine einzige Person (oft der Geschäftsführer oder die Verwaltungsleiterin) alle Daten. Der Zeitbedarf hängt von der Verfügbarkeit der Informationen ab:

  • Mit den Daten zur Hand (Energierechnungen, HR-Daten, Entsorgungsbelege): 30 bis 60 Minuten mit einem geführten Tool
  • Ohne Tool, ausgehend von der EFRAG-Rohvorlage (Excel/XBRL): 2 bis 4 Stunden für den ersten Bericht

Welche Daten sollten Sie vorbereiten, bevor Sie starten?

Vor dem Start sammeln Sie die folgenden Unterlagen für die Berichtsperiode (in der Regel Ihr Geschäftsjahr):

  1. Finanzdaten: Jahresumsatz, Bilanzsumme, NACE-Code Ihrer Tätigkeit
  2. Energierechnungen: Strom (kWh), Heizöl (Liter), Erdgas (kWh), Diesel und Benzin für Firmenfahrzeuge (Liter)
  3. Wasserrechnungen: Jährliche Entnahme (m3)
  4. Entsorgungsbelege: Gesamttonnage, Recyclinganteil, Sonderabfall (Ihr Entsorgungsunternehmen liefert diese Zahlen)
  5. HR-Daten: Mitarbeiterzahl per Stichtag, Geschlechterverteilung, befristete vs. unbefristete Verträge, Weiterbildungsstunden pro Mitarbeitenden, Abdeckung durch einen Gesamtarbeitsvertrag (GAV)
  6. Arbeitsunfälle: Anzahl gemeldeter Unfälle, allfällige Todesfälle
  7. Governance: Verurteilungen oder Bussen wegen Korruption (die meisten KMU werden null melden — das ist normal)

Hinweis zu den Schweizer Emissionsfaktoren

Für die Berechnung der Treibhausgasemissionen (Scope 1 und 2) verwenden Schweizer KMU üblicherweise die KBOB-Emissionsfaktoren (Version 8.02, 2009/1:2022). Diese Faktoren, die für den Bausektor entwickelt wurden, liefern Lebenszyklus-Werte, die an den Schweizer Energiemix angepasst sind:

  • Strom: 0,128 kg CO2e/kWh
  • Heizöl: 3,24 kg CO2e/Liter
  • Erdgas: 0,228 kg CO2e/kWh
  • Diesel: 3,24 kg CO2e/Liter
  • Benzin: 3,21 kg CO2e/Liter

Mit diesen Faktoren können Sie Ihre Verbräuche direkt in Tonnen CO2-Äquivalent (tCO2e) umrechnen, ohne auf eine Spezialsoftware zurückgreifen zu müssen.

Wie starten?

Wenn Sie vom Nutzen des VSME für Ihr KMU überzeugt sind, hier ein pragmatischer Ansatz:

  1. Beginnen Sie mit dem Basic Module. Starten Sie nicht mit dem Comprehensive Module ohne ausdrückliche Anforderung eines Partners.
  2. Sammeln Sie Ihre Daten. Die obige Liste deckt das Wesentliche ab. Die meisten Informationen finden sich bereits in Ihrer Buchhaltung.
  3. Nutzen Sie ein geführtes Tool. QuickVSME übersetzt das Basismodul in einen 4-Schritte-Assistenten: Unternehmensdaten, Umweltdaten, Sozialdaten, dann PDF-Download. Die Emissionsberechnungen werden automatisch auf Basis der KBOB-Faktoren durchgeführt.
  4. Bewahren Sie Ihre Belege auf. Energierechnungen, HR-Bescheinigungen, Entsorgungsbelege: Diese Dokumente dienen als Nachweise bei einer Überprüfung durch einen Kunden oder Prüfer.
  5. Aktualisieren Sie einmal jährlich. Der VSME-Bericht folgt Ihrem Geschäftsjahr. Eine jährliche Aktualisierung genügt.

Die Kosten einer VSME-Deklaration via QuickVSME betragen CHF 49, ohne Abo. Das ist eine bescheidene Investition im Vergleich zur Zeit, die Sie aufwenden würden, um Ad-hoc-Fragebögen jedes Kunden einzeln auszufüllen.

Zusammenfassung

Der VSME-Standard ist keine zusätzliche Belastung. Er ist ein strukturiertes, auf europäischer Ebene anerkanntes Rahmenwerk, das Ihnen ermöglicht, die Nachhaltigkeitsdaten-Anfragen Ihrer Kunden, Banken und Investoren einmal zu beantworten.

Für ein Schweizer KMU bedeutet das VSME Basic Module rund eine Stunde Arbeit, 46 Datenpunkte und ein professionelles PDF-Dokument, das Sie mit gutem Gewissen weitergeben können.

Die Frage ist nicht mehr, ob Sie nach Nachhaltigkeitsdaten gefragt werden. Die Frage ist, ob Sie bereit sind, wenn die Anfrage kommt.


Dieser Artikel basiert auf dem VSME-Standard der EFRAG und der Empfehlung der Europäischen Kommission C(2025) 4984. Er dient der allgemeinen Information und stellt keine Rechtsberatung dar. Für verbindliche Auskünfte zu den Berichtspflichten Ihres Unternehmens konsultieren Sie bitte Ihre Revisionsstelle oder einen spezialisierten Berater.

QuickVSME TeamSustainability Experts

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