Was ist der EU Value Chain Cap? Was KMU-Lieferanten wissen müssen
Der EU Value Chain Cap begrenzt, was Grossunternehmen von KMU-Lieferanten an Nachhaltigkeitsdaten verlangen dürfen — auf VSME-Niveau.
Warum fragen Grossunternehmen plötzlich nach Nachhaltigkeitsdaten?
Wenn Sie Waren oder Dienstleistungen an ein grosses europäisches Unternehmen liefern, haben Sie möglicherweise bereits einen Fragebogen erhalten — mit Fragen zu Ihren CO2-Emissionen, Ihren Mitarbeitendendaten oder Ihrer Abfallbewirtschaftung. Diese Anfragen kommen nicht von ungefähr. Sie sind eine direkte Folge der EU-Richtlinie Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), die grosse Unternehmen verpflichtet, über Nachhaltigkeit in ihrer gesamten Wertschöpfungskette zu berichten — einschliesslich ihrer Lieferanten.
Das Problem: Bisher gab es keine Obergrenze, was Grossunternehmen verlangen durften. Manche haben Fragebögen mit über 200 Datenpunkten verschickt, in proprietären Formaten, mit unrealistischen Fristen. Für ein Fertigungsunternehmen mit 40 Mitarbeitenden ohne Nachhaltigkeitsabteilung ist es eine erhebliche Belastung, drei verschiedenen Kunden in drei verschiedenen Formaten zu antworten.
Die EU hat dieses Problem erkannt. Die Lösung ist der Value Chain Cap — eine regulatorische Obergrenze für das, was Grossunternehmen von ihren KMU-Lieferanten verlangen dürfen.
Was genau ist der Value Chain Cap?
Der Value Chain Cap ist ein erwarteter delegierter Rechtsakt der EU, dessen Verabschiedung für etwa Juni 2026 erwartet wird. Er wird die Nachhaltigkeitsdaten, die CSRD-pflichtige Unternehmen von KMU-Geschäftspartnern anfordern dürfen, gesetzlich begrenzen. Konkret wird die maximale Informationsanforderung auf das Niveau des EFRAG Voluntary Sustainability Reporting Standard for SMEs (VSME) gedeckelt — genauer gesagt auf dessen Basic Module.
In der Praxis bedeutet das:
- Ein Grosskunde darf nicht verlangen, dass Sie einen proprietären ESG-Fragebogen mit 300 Fragen ausfüllen
- Ein Grosskunde darf nicht Scope-3-Emissionen, eine vollständige Wesentlichkeitsanalyse oder einen Klimatransitionsplan von Ihnen fordern
- Ein Grosskunde darf die Datenpunkte des VSME Basic Module anfordern — rund 46 Datenpunkte zu Energie, Emissionen, Belegschaft, Wasser, Abfall und grundlegender Governance
Der Cap hindert Sie nicht daran, freiwillig mehr zu teilen. Er hindert Ihre Kunden daran, es zur Geschäftsbedingung zu machen.
Warum macht der Value Chain Cap den VSME zum De-facto-Standard?
Vor dem Value Chain Cap konnte jedes Grossunternehmen seinen eigenen Nachhaltigkeitsfragebogen für Lieferanten erfinden. Das Ergebnis war Chaos — unterschiedliche Formate, unterschiedliche Kennzahlen, unterschiedliche Berichtsperioden, unterschiedliche Plattformen. KMU, die an mehrere Grosskunden liefern, standen vor einem Compliance-Multiplikationsproblem.
Der Value Chain Cap verändert die Gleichung grundlegend. Sobald er in Kraft tritt:
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Ein Standard ersetzt viele. Jedes CSRD-pflichtige Unternehmen weiss, dass das VSME Basic Module die Obergrenze ist. Es gibt keinen Anreiz, ein proprietäres Format zu schaffen, das weniger abfragt, und keine rechtliche Grundlage, mehr zu verlangen.
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Einmal vorbereiten, allen antworten. Wenn Sie Ihre VSME-Basic-Module-Deklaration erstellt haben, haben Sie eine fertige Antwort für jeden Kunden, der fragt. Ein Bericht für alle.
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Branchenplattformen werden konvergieren. Lieferanten-Nachhaltigkeitsplattformen (EcoVadis, CDP Supply Chain, IntegrityNext und andere) werden ihre KMU-Fragebögen an die VSME-Datenpunkte anpassen, weil alles darüber hinaus rechtlich fragwürdig wird.
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Einkaufsabteilungen bekommen Klarheit. Die Beschaffungsteams Ihrer Kunden werden sich auf VSME standardisieren, weil es der einzige vertretbare Massstab für ihre Anforderungen ist.
Die Empfehlung der Europäischen Kommission zum VSME-Standard besagt ausdrücklich, dass der Standard als verhältnismässige Antwort auf Wertschöpfungsketten-Datenanfragen konzipiert ist. Der Value Chain Cap macht diese Empfehlung durchsetzbar.
Welche Daten werden Ihre Kunden tatsächlich anfordern?
Das VSME Basic Module umfasst 11 Abschnitte (B1 bis B11) mit rund 46 Datenpunkten. Hier ist, was Sie berichten müssen:
| Abschnitt | Thema | Wichtige Datenpunkte | Typische Quelle |
|---|---|---|---|
| B1 | Grundlagen der Erstellung | Firma, Rechtsform, Adresse, Umsatz, Bilanzsumme, NACE-Code, Mitarbeiterzahl, Berichtsperiode | Handelsregister, Jahresabschluss |
| B2 | Praktiken und Richtlinien | Beschreibung der Nachhaltigkeitspraktiken, schriftliche Politik (ja/nein), Reduktionsziele (ja/nein) | Geschäftsleitung |
| B3 | Energie und THG-Emissionen | Gesamtenergie (MWh), Strom (kWh), Brennstoffverbrauch, Scope 1 und Scope 2 (tCO2e), THG-Intensität | Energierechnungen, Flottenbelege |
| B4 | Umweltverschmutzung | PRTR-Meldepflicht (ja/nein), ggf. Schadstofffreisetzungen | Umweltbewilligungen |
| B5 | Biodiversität | Betrieb in der Nähe geschützter Gebiete (ja/nein) | Standortdaten |
| B6 | Wasser | Gesamte Wasserentnahme (m3) | Wasserrechnung |
| B7 | Abfall und Kreislaufwirtschaft | Gesamtabfall, Sonderabfall, übriger Abfall, Recycling (alles in Tonnen) | Entsorgungsbelege |
| B8 | Belegschaft allgemein | Kopfzahl, Geschlechterverteilung, befristete vs. unbefristete Verträge | HR-Daten |
| B9 | Gesundheit und Sicherheit | Arbeitsunfälle, Todesfälle | Unfallmeldungen |
| B10 | Vergütung und Weiterbildung | Mindestlohn eingehalten (ja/nein), GAV-Abdeckung (%), durchschnittliche Weiterbildungsstunden | HR / Lohnbuchhaltung |
| B11 | Korruption und Bestechung | Verurteilungen und Bussen (Anzahl und Betrag) | Rechtsabteilung |
Beachten Sie, was nicht auf dieser Liste steht: Scope-3-Emissionen, eine doppelte Wesentlichkeitsanalyse, ein Klimatransitionsplan, Due-Diligence-Dokumentation zu Menschenrechten oder Biodiversitäts-Folgenabschätzungen. Diese gehören zum VSME Comprehensive Module oder zur vollständigen ESRS-Berichterstattung — und Ihre Kunden dürfen sie unter dem Value Chain Cap nicht von Ihnen verlangen.
Eine detaillierte Aufschlüsselung aller Felder finden Sie in unserem VSME-Basic-Module-Feldleitfaden.
Wie sieht der Zeitplan aus?
Der Value Chain Cap existiert nicht isoliert. Er ist Teil eines breiteren regulatorischen Zeitplans, der bestimmt, wann Ihre Kunden anfangen zu fragen — und wann sie aufhören, «wir arbeiten daran» als Antwort zu akzeptieren.
| Datum | Ereignis | Bedeutung für KMU-Lieferanten |
|---|---|---|
| Jan 2024 | CSRD Phase 1 tritt in Kraft | Unternehmen mit 500+ Mitarbeitenden beginnen zu berichten (für GJ 2024). Erste Datenanfragen an Lieferanten. |
| Jan 2025 | CSRD Phase 2 tritt in Kraft | Alle grossen Unternehmen (250+ MA, EUR 50 Mio.+ Umsatz) beginnen zu berichten. Anfragevolumen steigt deutlich. |
| Jan 2026 | CSRD Phase 3 tritt in Kraft | Börsenkotierte KMU beginnen unter CSRD zu berichten (mit Opt-out bis 2028). |
| Mär 2025 | EK veröffentlicht VSME-Empfehlung | Europäische Kommission empfiehlt den VSME-Standard offiziell zur freiwilligen Nutzung durch KMU. |
| Jun 2026 (erwartet) | Value-Chain-Cap-Rechtsakt | Gesetzliche Obergrenze für Anfragen an KMU-Lieferanten. VSME Basic Module wird zum Deckel. |
| H2 2026 | Erste «harte» Beschaffungsfristen | Grossunternehmen, die für GJ 2026 berichten, brauchen Lieferantendaten aus 2026. Erwarten Sie feste Fristen in Q3/Q4. |
| Ab 2027 | Normalbetrieb | VSME-Deklarationen werden zum Routinebestandteil der Lieferantenqualifikation — wie ISO-Zertifikate oder Jahresabschlüsse. |
Das entscheidende Zeitfenster ist jetzt bis Ende 2026. Unternehmen, die ihre VSME-Basic-Module-Deklaration vor H2 2026 fertig haben, können Kundenanfragen schnell und souverän beantworten. Wer wartet, gerät unter Zeitdruck.
Was müssen Schweizer KMU speziell wissen?
Die Schweiz ist kein EU-Mitgliedstaat, die CSRD gilt also nicht direkt für Schweizer Unternehmen. Schweizer KMU, die in die EU exportieren, sind jedoch voll von den Wertschöpfungsketteneffekten betroffen. Hier ist der Grund.
Ihre EU-Kunden sind verpflichtet — und ihre Pflichten fliessen in der Lieferkette abwärts. Ein deutscher Automobilhersteller, der unter CSRD berichtet, muss Nachhaltigkeitsdaten über seine gesamte Wertschöpfungskette offenlegen. Wenn Sie Komponenten an diesen Hersteller liefern, sind Sie Teil seiner Wertschöpfungskette. Die CSRD-Pflicht überschreitet die Grenze nicht, aber die Datenanfrage schon.
Das Schweizer Recht hat eine eigene Berichtspflicht. Gemäss Art. 964a OR müssen Schweizer Unternehmen, die bestimmte Schwellenwerte erfüllen (500+ Mitarbeitende, CHF 20 Mio.+ Bilanzsumme oder CHF 40 Mio.+ Umsatz), über nichtfinanzielle Themen berichten, einschliesslich Umwelt, Soziales, Mitarbeitende, Menschenrechte und Korruptionsbekämpfung. Das ist zwar weniger detailliert als die CSRD, aber die Richtung ist klar: Nachhaltigkeitsberichterstattung wird in der Schweiz zum Standard, nicht nur eine EU-Eigenheit.
Das bilaterale Verhältnis Schweiz–EU erhöht den Druck. Schweizer Unternehmen, die um EU-Aufträge konkurrieren, finden zunehmend Nachhaltigkeitsdeklarationen als Teil der Ausschreibungsanforderungen. Ob die rechtliche Grundlage CSRD, der EU Green Deal oder eine sektorspezifische Regulierung ist (z. B. die EU-Batterieverordnung oder die Entwaldungsverordnung) — die praktische Auswirkung ist dieselbe: keine Daten, kein Auftrag.
Der VSME ist jurisdiktionsneutral. Der VSME-Standard wurde von EFRAG für die freiwillige Nutzung durch jedes KMU konzipiert, unabhängig vom Sitz. Eine Schweizer GmbH kann das VSME Basic Module genauso gültig ausfüllen wie eine deutsche GmbH. Die Emissionsfaktoren unterscheiden sich (der Schweizer Strommix ist sauberer als der EU-Durchschnitt), aber die Berichtsstruktur ist identisch.
Für Schweizer KMU ist der Value Chain Cap wohl wichtiger als die CSRD selbst. Die CSRD gilt nicht für Sie. Aber der Value Chain Cap definiert das Maximum, das Ihre EU-Kunden verlangen dürfen — und damit genau das, was Sie vorbereiten müssen.
Wie sollten Sie sich vorbereiten?
Die Vorbereitung erfordert keinen Berater, keine Neueinstellung und kein sechsmonatiges Projekt. Das VSME Basic Module wurde so konzipiert, dass es von bestehenden Mitarbeitenden mit bereits vorhandenen Daten ausgefüllt werden kann. Hier eine pragmatische Vorgehensweise:
Schritt 1: Quelldokumente zusammenstellen (1–2 Stunden). Sammeln Sie Ihre aktuellsten Energierechnungen (Strom, Gas, Heizöl), Tankkartenabrechnungen, Wasserrechnungen, Entsorgungsrechnungen, HR-Mitarbeiterdaten und Ihren Jahresabschluss. Das meiste im VSME Basic Module wird aus diesen Quellen befüllt.
Schritt 2: Emissionen berechnen (30–60 Minuten). Scope 1 (direkte Emissionen aus Heizung und Fahrzeugen) und Scope 2 (indirekte Emissionen aus eingekauftem Strom) werden berechnet, indem Verbrauchsdaten mit Standard-Emissionsfaktoren multipliziert werden. Für Schweizer Unternehmen werden üblicherweise die KBOB-Emissionsfaktoren verwendet. Es ist einfache Multiplikation — kein Spezialwissen nötig.
Schritt 3: Belegschafts- und Governance-Abschnitte ausfüllen (15–30 Minuten). Kopfzahl, Geschlechterverteilung, Vertragsarten, Weiterbildungsstunden, Unfallzahlen und ein Ja/Nein zu Korruptionsverurteilungen. Wenn Sie ein HR-System haben, sind diese Daten sofort verfügbar.
Schritt 4: Nachhaltigkeitsnarrativ verfassen (15–30 Minuten). Abschnitt B2 fragt nach einer kurzen Beschreibung Ihrer Nachhaltigkeitspraktiken, ob Sie eine schriftliche Politik haben und ob Sie Reduktionsziele gesetzt haben. Es geht um einen kurzen Absatz, nicht um ein Strategiedokument. Ehrlichkeit zählt hier mehr als Ambition — «Wir haben den Energieverbrauch seit 2023 um 12 % gesenkt durch Umstellung auf LED-Beleuchtung und Optimierung der Heizungssteuerung» ist eine völlig gute Antwort.
Schritt 5: Deklaration verpacken und aufbewahren. Ihre fertige VSME-Basic-Module-Deklaration sollte in einem Format vorliegen, das Sie jedem Kunden senden können, der danach fragt. PDF ist das Minimum. Strukturierte Daten (XBRL, wie von EFRAG bereitgestellt) sind besser für digitale Verarbeitung, werden aber noch nicht breit verlangt.
Was passiert, wenn Sie sich nicht vorbereiten?
Rechtlich passiert nichts — der VSME ist freiwillig, und der Value Chain Cap beschränkt Ihre Kunden, nicht Sie. Aber die praktischen Konsequenzen sind real:
- Langsamere Reaktion auf Kundenanfragen lässt Sie im Vergleich zu Mitbewerbern, die ihre Deklaration bereit haben, unvorbereitet aussehen.
- Ad-hoc-Antworten an verschiedene Kunden in verschiedenen Formaten schaffen interne Verwirrung und Inkonsistenz.
- Beschaffungsrisiko steigt, da Grosskunden Nachhaltigkeitsdaten zunehmend in die Lieferantenauswahl einbeziehen. Eine fehlende VSME-Deklaration führt nicht sofort zum Ausschluss, aber zu einem Nachteil bei Ausschreibungen.
- Kostenexplosion, wenn Sie bis zur letzten Minute warten. Daten rückwirkend für eine bereits abgeschlossene Berichtsperiode zusammenzustellen, ist schwieriger und fehleranfälliger, als sie laufend zu erfassen.
Am meisten vom Value Chain Cap profitieren Unternehmen, die sich proaktiv vorbereiten. Der Cap schützt Sie vor unverhältnismässigen Anforderungen — aber nur, wenn Sie die verhältnismässigen liefern können.
Die wichtigsten Punkte
- Der Value Chain Cap (erwartet Juni 2026) wird gesetzlich begrenzen, was CSRD-pflichtige Grossunternehmen von KMU-Lieferanten anfordern dürfen — maximal auf dem Niveau des VSME Basic Module.
- Das VSME Basic Module enthält rund 46 Datenpunkte in 11 Abschnitten. Kein Scope 3, keine Wesentlichkeitsanalyse, kein Transitionsplan erforderlich.
- Schweizer KMU, die in die EU exportieren, sind über die CSRD-Pflichten ihrer Kunden voll betroffen, auch wenn die CSRD in der Schweiz nicht direkt gilt.
- Die Vorbereitung ist unkompliziert — die meisten Daten stammen aus Energierechnungen, HR-Unterlagen und Entsorgungsbelegen, die Sie bereits haben.
- Das entscheidende Zeitfenster ist jetzt bis H2 2026. Wer seine Deklaration bereit hat, bevor Kunden fragen, ist im Vorteil.
Wenn Sie Ihre VSME-Basic-Module-Deklaration ohne Tabellenkalkulationen oder Berater erstellen möchten, führt Sie QuickVSME durch alle 46 Datenpunkte in einem geführten Assistenten und erstellt eine versandfertige PDF-Deklaration.
Dieser Artikel basiert auf dem EFRAG VSME-Standard, der Empfehlung der Europäischen Kommission zur freiwilligen KMU-Nachhaltigkeitsberichterstattung und dem CSRD-Rechtsrahmen. Schweizer Pflichten beziehen sich auf Art. 964a OR. Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und stellt keine Rechtsberatung dar.
QuickVSME Team • Sustainability Experts